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Analysen

Die Südkurve hat recht: Der VAR hat uns den schönsten Moment im Fußball gestohlen

Die Südkurve hat recht: Der VAR hat uns den schönsten Moment im Fußball gestohlen

Die Südkurve München fordert die Abschaffung des VAR.

Und ich kann diesen Protest verstehen.

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Mehr noch: Ich glaube, dass die Fans einen Punkt ansprechen, den Funktionäre, TV-Experten und Regelhüter seit Jahren unterschätzen.

Es geht nicht darum, ob der Videoassistent fünf, zehn oder zwanzig Fehlentscheidungen pro Saison korrigiert.

Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres.

Was soll Fußball eigentlich sein?

Ein möglichst perfektes, technisch kontrolliertes Produkt?

Oder ein Spiel, das gerade deshalb Millionen Menschen verrückt macht, weil es spontan, emotional und manchmal eben auch ungerecht ist?

Für mich ist die Antwort klar.

Fußball muss zuerst Fußball bleiben.

Und genau deshalb trifft die Südkurve mit ihrer Kritik einen wunden Punkt.

Der schlimmste Satz nach einem Bayern-Tor: „Warte mal...“

Jeder Fußballfan kennt inzwischen diese Situation.

Bayern greift an.

Kane bekommt den Ball.

Tor.

Die Allianz Arena explodiert.

Für einen kurzen Moment willst du einfach aufspringen, deinen Nebenmann umarmen und schreien.

So war Fußball einmal.

Heute kommt häufig zuerst dieser Gedanke:

„Warte mal. Wird das überprüft?“

Und genau da beginnt das Problem.

Man schaut zum Schiedsrichter.

Man schaut auf die Leinwand.

Man wartet.

Abseits?

Hand?

Foul zehn Sekunden vorher?

Irgendwo eine Fußspitze im falschen Moment?

Der Ball liegt längst im Netz, aber die Emotion hängt in der Luft wie ein Computerprogramm, das noch geladen werden muss.

Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit.

Ist es aber nicht.

Denn der Torjubel ist der heiligste Moment dieses Sports.

Für diese wenigen Sekunden gehen Menschen ins Stadion.

Dafür fahren Bayern-Fans hunderte Kilometer nach Dortmund, Hamburg oder durch halb Europa.

Dafür steht man im Regen.

Dafür verliert man die Stimme.

Dafür nimmt man sich frei.

Und genau dieser Moment darf nicht zu einer vorläufigen Entscheidung werden.

Ein Tor muss sich wieder wie ein Tor anfühlen.

Das ist für mich das stärkste Argument der Südkurve.

Natürlich macht der VAR den Fußball teilweise gerechter

Man muss trotzdem fair bleiben.

Der VAR ist nicht komplett nutzlos.

Das behauptet übrigens auch die Südkurve nicht.

Es gibt Szenen, in denen ein Schiedsrichter etwas schlicht nicht sehen kann.

Ein klares Handspiel.

Ein brutales Foul außerhalb seines Blickwinkels.

Ein Abseits, das mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist.

Ein Elfmeter, bei dem der Schiedsrichter aus seiner Position getäuscht wurde.

Natürlich wurden durch den Videoassistenten falsche Entscheidungen korrigiert.

Auch der FC Bayern hat davon profitiert.

Und selbstverständlich haben wir Bayern-Fans uns gefreut, wenn eine Entscheidung nach Videobeweis plötzlich zu unseren Gunsten korrigiert wurde.

Alles andere wäre scheinheilig.

Aber genau deshalb ist die Diskussion schwieriger als „VAR gut“ oder „VAR schlecht“.

Die entscheidende Frage lautet:

Ist der zusätzliche Gewinn an Gerechtigkeit groß genug, um das zu rechtfertigen, was wir dafür verloren haben?

Für mich inzwischen nicht mehr.

Denn wir haben etwas verloren, das sich nicht in einer Statistik messen lässt.

Spontanität.

Der VAR sollte Diskussionen beenden – heute diskutieren wir noch mehr

Erinnern wir uns an das ursprüngliche Versprechen.

Der Videoassistent sollte klare und offensichtliche Fehlentscheidungen korrigieren.

Das klang vernünftig.

Ich war damals auch nicht grundsätzlich dagegen.

Wenn ein Schiedsrichter einen Spieler zwei Meter im Abseits übersieht, warum sollte man einen offensichtlichen Fehler nicht korrigieren?

Das Problem ist nur:

Aus der Korrektur offensichtlicher Fehler wurde irgendwann eine eigene Wissenschaft.

Was ist eine klare Fehlentscheidung?

Wann ist eine Berührung ausreichend für einen Elfmeter?

Wann ist eine Handbewegung natürlich?

Wann beginnt eine neue Spielsituation?

Wann darf der VAR eingreifen?

Warum greift er am Samstag ein und bei einer nahezu identischen Szene am Sonntag nicht?

Genau darüber diskutieren wir inzwischen jede Woche.

Früher ärgerte man sich über den Schiedsrichter.

Heute ärgern wir uns über den Schiedsrichter, den VAR, die Eingriffsschwelle und anschließend noch darüber, warum sich der Schiedsrichter die Szene am Monitor dreimal in Zeitlupe angesehen hat.

Die Technik sollte Diskussionen reduzieren.

Teilweise hat sie einfach neue Diskussionen geschaffen.

Und das ist schon ziemlich absurd.

Fußball ist kein Videospiel

Besonders problematisch finde ich diese Millimeter-Abseitsentscheidungen.

Natürlich braucht eine Regel irgendwo eine Grenze.

Abseits ist Abseits.

Das verstehe ich.

Aber wenn wir Linien zeichnen müssen, Standbilder vergrößern und minutenlang untersuchen, ob die Schulter eines Angreifers möglicherweise wenige Zentimeter weiter vorne war, dann frage ich mich irgendwann:

Welchen Vorteil wollte dieser Spieler eigentlich erschleichen?

Keinen.

Das menschliche Auge konnte es nicht erkennen.

Der Verteidiger konnte es nicht erkennen.

Der Angreifer konnte es nicht bewusst ausnutzen.

Aber ein Computer kann es messen.

Also ist das Tor weg.

Regeltechnisch vielleicht korrekt.

Fußballerisch fühlt es sich trotzdem falsch an.

Und Fußball darf nicht nur aus technisch korrekten Entscheidungen bestehen.

Er braucht auch ein Gefühl für das Spiel.

Genau dieses Gefühl droht verloren zu gehen, wenn jede Situation so behandelt wird, als würden wir einen technischen Defekt in einer Maschine untersuchen.

Ich will nach einem Kane-Tor schreien – nicht Geometrie studieren

Vielleicht klingt das altmodisch.

Damit kann ich leben.

Wenn Harry Kane in der 89. Minute gegen Dortmund das 2:1 erzielt, möchte ich aufspringen.

Ich möchte nicht zuerst auf den Schiedsrichter schauen.

Ich möchte nicht warten, ob irgendwo zehn Sekunden zuvor ein Kontakt stattgefunden hat.

Ich möchte nicht zwei Minuten später noch einmal jubeln, nachdem auf der Leinwand „Tor“ erscheint.

Der zweite Jubel ist niemals derselbe.

Nie.

Der erste Moment ist weg.

Man kann ihn nicht zurückholen.

Und genau das verstehen Menschen vielleicht besser, die regelmäßig im Stadion stehen, als diejenigen, die Fußball hauptsächlich aus Kontrollräumen, Sitzungszimmern und Regelkommissionen betrachten.

Fußball ist keine sterile Veranstaltung.

Er lebt davon, dass 70.000 Menschen gleichzeitig die Kontrolle verlieren.

Die Südkurve verteidigt genau dieses Gefühl.

Deshalb sollte man diesen Protest ernst nehmen.

Gerade die Bayern-Südkurve weiß, was Fußballkultur bedeutet

Man muss sich nur anschauen, was diese Kurve für den FC Bayern bedeutet.

Die Choreografien.

Die Auswärtsfahrten.

Die Gesänge.

Die neue Stadionhymne.

Diese Menschen investieren Zeit, Geld und unglaublich viel Energie in diesen Verein.

Sie produzieren genau jene Atmosphäre, die Vereine anschließend in Hochglanzvideos verwenden, wenn sie zeigen wollen, wie emotional Fußball ist.

Dann sollte man ihnen aber auch zuhören, wenn sie sagen:

Uns geht etwas verloren.

Man kann nicht auf der einen Seite mit der Leidenschaft der Fans werben und ihre Kritik auf der anderen Seite als romantische Technikfeindlichkeit abtun.

Das wäre zu einfach.

Denn die Frage nach dem VAR ist am Ende eine Frage danach, wem dieser Sport eigentlich gehört.

Auch Fehler gehören zum Fußball

Das ist wahrscheinlich der unbequemste Teil meiner Meinung.

Ich könnte mit mehr Schiedsrichterfehlern leben.

Ja, wirklich.

Natürlich würde ich mich fürchterlich aufregen.

Wenn Bayern wegen einer falschen Entscheidung gegen Dortmund verliert, würde ich wahrscheinlich noch zwei Tage später darüber diskutieren.

Aber wisst ihr was?

Genau das war Fußball immer.

1966 diskutieren wir noch heute darüber, ob der Ball im Wembley-Finale hinter der Linie war.

Maradonas „Hand Gottes“ kennt die ganze Welt.

Unzählige Meisterschaften, Abstiege und Europapokalnächte hatten Entscheidungen, die bis heute diskutiert werden.

Ungerecht?

Teilweise absolut.

Aber Fußball war nie perfekt.

Menschen spielen dieses Spiel.

Menschen trainieren Mannschaften.

Menschen pfeifen Spiele.

Menschen machen Fehler.

Vielleicht war unsere größte Fehlannahme, dass wir versucht haben, ausgerechnet diesen Teil des Fußballs vollständig zu eliminieren.

Denn Fehler verschwinden nicht.

Jetzt macht der Schiedsrichter einen Fehler und anschließend kann zusätzlich der VAR einen Fehler machen.

Perfektion haben wir trotzdem nicht bekommen.

Nur längere Unterbrechungen.

Ich würde den VAR nicht einfach morgen abschalten – aber so kann es nicht bleiben

Hier unterscheide ich mich vielleicht ein wenig von der radikalsten Forderung.

Ich würde nicht so tun, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten:

Alles behalten oder morgen den Stecker ziehen.

Wenn man den VAR retten möchte, dann müsste man ihn drastisch reduzieren.

Wirklich drastisch.

Keine minutenlangen Untersuchungen.

Keine Suche nach einem Grund, ein Tor zurückzunehmen.

Keine mikroskopische Analyse jedes Kontakts.

Keine Intervention, wenn eine Szene selbst nach fünf Wiederholungen noch diskutiert werden kann.

Der VAR sollte nur bei dem eingreifen, wofür er ursprünglich gedacht war:

Bei wirklich offensichtlichen Fehlern.

Wenn man zehn Zeitlupen benötigt, um festzustellen, ob die Entscheidung falsch war, dann war sie offensichtlich nicht eindeutig falsch.

Dann bleibt die Entscheidung auf dem Platz bestehen.

Fertig.

So könnte Technik dem Fußball helfen, ohne ihn zu übernehmen.

Aber wenn das nicht funktioniert, dann bin ich inzwischen tatsächlich lieber für einen Fußball ohne VAR.

Lieber einmal wütend auf den Schiedsrichter als bei jedem Tor Angst vor dem Keller

Das klingt vielleicht irrational.

Fußball ist aber irrational.

Warum lieben wir den FC Bayern?

Weil wir eine mathematische Berechnung durchgeführt und festgestellt haben, dass dieser Verein die effizienteste Freizeitbeschäftigung ist?

Natürlich nicht.

Wir lieben diesen Klub wegen Erinnerungen.

Wegen Menschen.

Wegen München.

Wegen Wembley.

Wegen Barcelona 2020.

Wegen Toren in letzter Sekunde.

Wegen Niederlagen, die wehgetan haben.

Wegen Siegen, bei denen man fremden Menschen um den Hals gefallen ist.

Fußball lebt von Gefühlen.

Deshalb darf man seine Regeln nicht ausschließlich danach bewerten, ob sie statistisch für mehr korrekte Entscheidungen sorgen.

Man muss auch fragen:

Was machen diese Regeln mit dem Spiel?

Was machen sie mit den Menschen im Stadion?

Und vor allem:

Was machen sie mit dem Torjubel?

Für mich ist die Antwort nach neun Jahren VAR ernüchternd.

Die Südkurve hat eine Debatte angestoßen, die längst überfällig ist

Deshalb bin ich froh, dass die Bayern-Fans dieses Thema so deutlich ansprechen.

Und sie stehen damit nicht allein.

Auch Fanszenen anderer Vereine haben denselben Aufruf veröffentlicht.

Das ist wichtig.

Denn diese Diskussion sollte keine Bayern-Dortmund-Schalke-Köln-Frage sein.

Es spielt keine Rolle, welche Mannschaft durch einen VAR-Eingriff gerade profitiert.

Heute bekommt Bayern den Elfmeter.

Morgen wird uns ein Tor aberkannt.

Darum geht es nicht.

Es geht um den Sport selbst.

Vielleicht kommen DFB und DFL irgendwann zu dem Schluss, dass der VAR bleiben muss.

Dann sollen sie aber endlich einen Weg finden, ihn wieder zu einem stillen Helfer zu machen.

Nicht zum zweiten Hauptdarsteller jedes Spieltags.

Bis dahin kann ich den Protest aus der Südkurve sehr gut verstehen.

Denn vielleicht ist ihre wichtigste Aussage gar nicht „VAR abschaffen“.

Vielleicht lautet sie eigentlich:

Gebt uns unseren Fußball zurück.

Und wenn ich ehrlich darüber nachdenke, wie ich mich heute nach einem Bayern-Tor verhalte, merke ich:

Ich schaue tatsächlich viel zu oft zuerst zum Schiedsrichter.

Genau das sollte beim schönsten Moment dieses Spiels niemals passieren.

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