Keine Heiligenkuh-Rabatte mehr! Wer Manuel Neuer zerlegt, darf bei Michael Olise nicht wegschauen
Es gibt eine unangenehme Wahrheit, die sich wie ein schleichendes Gift in unsere Fankultur gefressen hat: die Heuchelei der doppelten Standards.
Wann immer auf der großen europäischen Bühne etwas schiefläuft, stürzt sich die Meute mit Vorliebe auf das einfachste, prominenteste Ziel. Manuel Neuer verschätzt sich um einen halben Meter? Ein Aufschrei geht durch die Kurve und die Kommentarspalten: „Er ist zu alt! Er klebt auf der Linie! Er kostet uns die Champions League!“ Da wird eine lebende Legende, der Mann, der uns zwei Triple-Triumphe geschenkt und das moderne Torwartspiel erfunden hat, bei jedem kleinsten Wackler gnadenlos seziert und ans Kreuz genagelt.
Und was passiert, wenn Michael Olise auf dem Platz abtaucht, eigensinnig falsche Entscheidungen trifft oder in der Rückwärtsbewegung schlicht verweigert? Dröhnendes Schweigen. Kollektives Wegsehen.
Ganz ehrlich: Mir reicht diese verlogene Bequemlichkeit bis zum Hals!
Versteht mich nicht falsch: Michael Olise ist ein Jahrhundert-Fußballer, ein Ausnahmetalent mit einer Ballbehandlung, die einem die Freudentränen in die Augen treibt. Seine Traumtore und seine scheinbar unantastbare Nonchalance haben uns im Sturm erobert. Aber genau dieser Kult um seine Person wird langsam gefährlich. Wir haben ihn so schnell auf ein Podest gehoben, dass offenbar niemand mehr den Mut besitzt, die nackten Fakten auszusprechen: Wenn die Nächte in der Champions League kälter werden und die Gegner Real Madrid, Arsenal oder Manchester City heißen, reicht es nicht, die Hände in die Hosentaschen zu stecken und ab und zu einen Übersteiger zu zaubern!
Wer beim FC Bayern München den Anspruch erhebt, der neue Fixstern in der Offensive zu sein, wer vor dem Tor den coolen Antihelden mimt, der muss sich auch dem brutalsten Maßstab stellen. Und dieser Maßstab heißt nun mal Manuel Neuer.
Neuer hat fünfzehn Jahre lang in jedem K.-o.-Spiel seinen Kopf hingehalten. Er hat Fehler gemacht, ja, aber er hat die Verantwortung getragen, hat sich vor die Mikrofone gestellt und Woche für Woche den Kopf für diesen Verein riskiert. Olise dagegen genießt bisher einen bequemen Welpenschutz: Trifft er, wird er als genialer Magier gefeiert; verliert er den Ball leichtfertig und trabt im Vollsprint des Gegners nur hinterher, heißt es verharmlosend: „Er ist halt ein Künstler, man muss ihm seine Freiheiten lassen.“
Vergesst diesen Unsinn! Der FC Bayern München ist kein Zirkus für individualistische Schöngeister!
Wenn Olise in den entscheidenden Königsklassen-Schlachten abtaucht, wenn er die Drecksarbeit gegen den Ball verweigert und den gegnerischen Außenverteidiger einfach laufen lässt, dann brennt hinten die Hütte – und am Ende steht wieder die Abwehr oder Neuer im Kreuzfeuer. Wer die Lorbeeren kassiert, muss auch den Gegenwind aushalten.
Hört endlich auf, mit zweierlei Maß zu messen! Wenn Manuel Neuer nach jedem Spiel auf die Goldwaage gelegt wird, dann gehört Michael Olise genauso auf den Prüfstand. Es gibt beim FC Bayern keine unantastbaren Freifahrtscheine – erst recht nicht für Shootingstars, die auf internationalem Parkett erst noch beweisen müssen, dass sie echte Champions sind!