Zum Inhalt springen
Analysen

KIMMICH RECHNET MIT SICH SELBST AB! Bayerns Anführer übernimmt Verantwortung – aber er ist nicht Deutschlands Blitzableiter!

KIMMICH RECHNET MIT SICH SELBST AB! Bayerns Anführer übernimmt Verantwortung – aber er ist nicht Deutschlands Blitzableiter!

Ein folgenschwerer Ballverlust, ein unglücklich abgefälschter Schuss und am Ende eine Niederlage, die schmerzt: Joshua Kimmich erlebte gegen Griechenland einen Abend zum Vergessen. Danach stellte sich der Bayern-Star seiner eigenen Leistung. Genau das verdient Respekt. Einen Freispruch gibt es dafür trotzdem nicht.

Nach Deutschlands 0:1 in Augsburg benannte Kimmich gegenüber Kerry Hau konkret seine Fehler. Er verwies auf seinen Ballverlust vor einer griechischen Großchance und den abgefälschten Schuss beim Gegentor. Er habe seinen Mitspielern Sicherheit vermitteln und helfen wollen, sehe bei sich aber deutliches Verbesserungspotenzial, berichtet Bavarian Football Works.

Anzeige

So beginnt Verantwortung. Jetzt muss die sportliche Antwort folgen.

Wer führen will, muss sich auch selbst kritisieren

Als Bayern-Fan muss man Kimmich an diesem Abend nichts schönreden. An einen Spieler mit seiner Erfahrung dürfen höhere Erwartungen gestellt werden. Gerade wenn eine Partie zäh wird, braucht die Mannschaft von ihm Klarheit: Wann beschleunigen? Wann sichern? Wann ist der einfache Pass die bessere Entscheidung?

Führung zeigt sich schließlich nicht daran, wie häufig jemand den Ball fordert. Sie zeigt sich daran, ob seine Entscheidungen den Mitspielern helfen.

Deshalb gefällt mir seine Reaktion. Er spricht die eigenen problematischen Szenen an. Er versteckt seine Leistung nicht hinter einer allgemeinen Enttäuschung über das Ergebnis. Das ist die richtige Haltung für jemanden, der auf dem Platz Verantwortung beansprucht.

Aber ein gutes Interview gewinnt nachträglich keinen Zweikampf. Selbstkritik ist erst dann besonders wertvoll, wenn aus ihr ein besseres nächstes Spiel entsteht.

Ein abgefälschter Ball erklärt keine ganze Niederlage

In der 74. Minute lenkte Kimmich den Schuss von Dimitrios Kourbelis so ab, dass Alexander Nübel keine Chance blieb. Deutschland hatte zuvor selbst Möglichkeiten, brachte aber keinen Treffer zustande.

Damit sind zwei Dinge auseinanderzuhalten: Kimmichs vermeidbare Fehler und das Pech beim entscheidenden Abpraller. Wer beides zu einer einzigen Anklageschrift vermischt, macht es sich zu einfach.

Natürlich ist das Bild verführerisch: Bayern-Star am Ball, Ball im eigenen Netz, Schuldiger gefunden. Fertig ist die Analyse für Menschen, denen neunzig Minuten Fußball offenbar zu anstrengend sind.

Nur erklärt dieses Standbild weder die torlose Offensive noch die Frage, warum Deutschland seine Möglichkeiten nicht nutzte. Kimmich muss seinen Anteil tragen. Den Anteil aller anderen gleich mitzuliefern, gehört nicht zur Stellenbeschreibung eines Kapitäns.

Bayern braucht einen klaren Kimmich

Für München liegt die wichtigste Frage deshalb jenseits der üblichen Empörung: Wie reagiert er auf diesen Rückschlag?

Aus meiner Sicht wäre es genau falsch, jetzt jede Aktion zu einer persönlichen Wiedergutmachung machen zu wollen. Noch ein schwieriger Pass, noch ein erzwungener Ball in die Spitze, noch mehr Verantwortung an sich ziehen – daraus entsteht schnell zusätzliche Unruhe.

Bayern braucht einen Kimmich, der seine Qualität mit Ruhe verbindet. Einen Spieler, der erkennt, wann ein Angriff vorbereitet werden muss und wann der Moment zum Risiko gekommen ist. Der nach einem Fehler weiter anspielbar bleibt, ohne beim nächsten Ball unbedingt das gesamte Stadion überzeugen zu wollen.

Die stärkste Antwort auf Kritik kann ein unspektakulär gutes Spiel sein.

Rückendeckung heißt auch: mehr verlangen

Als Bayern-Fan darf man sich vor einen eigenen Spieler stellen und trotzdem deutlich mehr von ihm erwarten. Genau darin liegt für mich glaubwürdige Unterstützung.

Kimmich muss nicht gegen jede Kritik verteidigt werden. Berechtigte Kritik hat er mit seiner eigenen Einschätzung selbst eröffnet. Gegen pauschale Urteile sollte man sich dagegen wehren – besonders gegen die Vorstellung, ein schwieriger Abend mache sämtliche Fähigkeiten eines Spielers plötzlich wertlos.

Der Anspruch in München ist hoch. Er sollte auch bei der Beurteilung hoch bleiben: konkrete Fehler benennen, Leistungen sauber bewerten und die nächste Antwort auf dem Rasen verlangen.

Mein Urteil: Die Haltung stimmt. Die Leistung muss nachziehen.

Kimmich hat nach dieser Niederlage den richtigen Anfang gemacht. Jetzt zählt, was daraus folgt. Bayern gewinnt nichts durch endlose Schulddebatten, wohl aber durch einen Führungsspieler, der seine Fehler verarbeitet und wieder Sicherheit ausstrahlt.

Deshalb gilt: Rückendeckung geben, Maßstäbe behalten, Reaktion verlangen.

Kopf hoch, Joshua. Den nächsten Maßstab setzt du mit dem Ball am Fuß.

Anzeige

Deine Meinung zählt – ohne Anmeldung:

Mehr zum Thema