TAH LEGT DEN FINGER IN DIE DFB-WUNDE! Bayerns Abwehrchef fordert Mut – Ballgeschiebe gewinnt keine Spiele!
Den Ball haben, den Gegner beschäftigen und am Ende trotzdem mit leeren Händen dastehen: Deutschlands 0:1 gegen Griechenland liefert reichlich Stoff für Frust. Jonathan Tah benennt nach der Niederlage die fehlende Durchschlagskraft. Als Bayern-Fan möchte man ergänzen: Wer gewinnen will, muss dem Gegner irgendwann auch wirklich wehtun – sportlich, im Strafraum, auf der Anzeigetafel!
Tah erklärte nach der Partie sinngemäß, Deutschland habe zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht. Weil Griechenland nicht durchgehend früh attackierte, wäre mehr Kontrolle mit Wirkung möglich gewesen. Stattdessen habe die Mannschaft zu selten Räume geöffnet und das gegnerische Tor bedroht. Auch Distanzversuche und Hereingaben hätten häufiger eingesetzt werden können.
Das ist eine konkrete Kritik. Sie führt direkt zu einer Frage, die weit über diesen Abend hinausreicht: Was bringt einer Mannschaft der Ball, wenn der Gegner sich dabei überwiegend wohlfühlt?
Griechenland musste keine Einladung zum Verteidigen bekommen
Ein tief stehender Gegner wartet darauf, dass sich die angreifende Mannschaft an ihrer eigenen Geduld berauscht. Noch ein sicherer Pass. Noch eine Verlagerung. Noch einmal neu aufbauen. Irgendwann sieht das ordentlich aus, ohne besonders gefährlich zu werden.
Natürlich braucht es Geduld. Aber sie muss etwas vorbereiten. Eine Lücke, ein Duell, eine Überzahl, einen Abschluss. Sonst wird aus Spielkontrolle eine Beschäftigungstherapie mit Stadionbeleuchtung.
Tah würdigte zugleich, dass Griechenland seine Umschaltmomente gut nutzte. Seine Forderung an die eigene Mannschaft: Sie müsse den Mut behalten, ihr Spiel durchzusetzen.
Genau dort liegt für mich der entscheidende Punkt: Initiative muss Folgen haben.
Was Bayern-Fans unter Dominanz verstehen
Aus Münchner Sicht reicht es nicht, eine Partie optisch zu bestimmen. Der Gegner soll Entscheidungen unter Druck treffen müssen. Rückt er heraus, muss hinter ihm etwas passieren. Bleibt er tief, braucht es Bewegung und Präsenz vor seinem Tor.
Dafür müssen mehrere Spieler gleichzeitig handeln. Der Passgeber braucht einen Abnehmer. Der Flügelspieler braucht jemanden, der einen Verteidiger bindet. Und wer in den Strafraum startet, muss darauf vertrauen können, dass sein Lauf auch gesehen wird.
Das ist mein Maßstab für dominanten Fußball. Eine Mannschaft verdient dieses Wort durch die Probleme, die sie dem Gegner stellt. Die Anzahl ihrer ungefährlichen Ballkontakte ist dafür ziemlich uninteressant.
Tah muss seine Forderung selbst mit Leben füllen
Dass ein Innenverteidiger über offensive Probleme spricht, ist völlig legitim. Der Angriff beginnt schließlich nicht erst zwanzig Meter vor dem gegnerischen Tor.
Gerade deshalb gilt Tahs Anspruch auch für ihn selbst. Ein früher, präziser Pass kann eine gegnerische Linie überspielen. Entschlossenes Andribbeln kann einen Mittelfeldspieler zum Herausrücken zwingen. Ein unnötiger zusätzlicher Kontakt gibt der Abwehr dagegen Zeit, sich wieder zu sortieren.
Für Bayern ist das eine wichtige Erwartung an seinen Abwehrmann: Sicherheit und Initiative miteinander verbinden. Wer von hinten das Spiel vor sich hat, kann entscheidend dazu beitragen, dass weiter vorne überhaupt Räume entstehen.
Führung bedeutet auch, die erste mutige Entscheidung selbst zu treffen.
Mehr Flanken allein sind noch kein Plan
Bei den möglichen Lösungen würde ich trotzdem genauer hinsehen. Zusätzliche Hereingaben helfen wenig, wenn im Strafraum die passenden Laufwege fehlen. Ein Fernschuss kann sinnvoll sein, aber auch nur den Ballbesitz verschenken.
Entscheidend ist die Vorbereitung: Ist jemand für den zweiten Ball da? Wird der Torwart tatsächlich gefordert? Passt die Hereingabe zur Position der Angreifer?
Sonst ersetzt man vorsichtiges Passspiel lediglich durch hektische Aktionen. Der Gegner dürfte sich über beide Varianten freuen.
Hier ist die gemeinsame Arbeit von Trainer und Mannschaft gefragt. Mut wird verlässlicher, wenn die Spieler wissen, welche Unterstützung sie bei einer riskanten Entscheidung bekommen.
Mein Urteil: Tah benennt die richtige Aufgabe
Seine Analyse ist aus meiner Sicht wertvoll, weil sie konkrete Verbesserungen verlangt. Jetzt muss daraus auf dem Platz etwas entstehen. Auch die Bayern-Spieler stehen dabei in der Verantwortung, früher Lösungen anzubieten und entschlossener voranzugehen.
In München sollte dieser Anspruch selbstverständlich sein: den Ball so nutzen, dass der Gegner seine Ordnung verliert und Chancen entstehen.
Ballbesitz ist kein Pokal. Wer ihn feiern will, sollte vorher etwas daraus machen.